Jahresrückblick 2015

Mit diesem Bericht wollen wir allen unseren Freunden und Unterstützern, aber auch allen anderen Interessierten einen Überblick über die Arbeit des Vereins seit seiner Gründung im August 2015 geben:

Das Wichtigste zuerst: Durch unsere Hilfe konnte bis Ende 2015 20 hilfesuchenden Menschen in Deutsch-Wagram ein Neustart ermöglicht werden. Für 4 Familien (5 Männer, 4 Frauen und 9 Kinder, 2 Babies sind unterwegs) sowie für einen jungen Mann und eine Frau konnten wir in Deutsch-Wagram Unterkünfte finden. Wir helfen ihnen, hier anzukommen und unsere Sprache und unsere Gesellschaft kennen zu lernen. Erstmals nach vielen Jahren Krieg und monatelanger Flucht können diese Menschen wieder beginnen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Und so hat unser Projekt begonnen:

9. Juli 2015:
Bürgermeister Fritz Quirgst hat zum Informationsabend zum Thema Asyl in Deutsch-Wagram eingeladen. Birgit Koller von der Diakonie hat im Pfarrsaal über Erfahrungen mit Asylwerbern und die Organisation der Quartiere gesprochen und außerdem Fragen der zahlreich erschienenen interessierten Bürger beantwortet.

8. September 2015:
Die zweite Informationsveranstaltung wird bereits kurz nach der Vereinsgründung von Obmann Reinhard Pacejka sowie den Vorstandsmitgliedern Alexandra Manak, Gabriele Oberndorfer, Michaela Follner, Philipp Hiblinger und Florian Prochaska organisiert. Bei dem sehr gut besuchten Treffen erklären wir das Konzept und die Ziele des Vereins. An diesem Abend haben sich bereits rund 100 Menschen in die Liste der Helfer, Deutschlehrer und Mentoren eingetragen.

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19. September 2015
Die SPARTA Deutsch-Wagram stellt uns einen Lagerraum zur Verfügung, der für einige Monate den nötigen Platz für die vielen Sachspenden bietet. Aufgrund der vielen Spenden ist es uns möglich, unsere Flüchtlinge mit Möbeln, Geschirr und Kleidung zu versorgen.

Ende September 2015:
Die ersten Flüchtlinge treffen in Deutsch-Wagram und Aderklaa ein: Kobra aus dem Iran, Djafar und Zainab aus Afghanistan, gefolgt von Alma, Sara, Fadi und Osama aus Damaskus. Sie alle konnten in privaten Quartieren untergebracht werden.

Mitte Oktober 2015:
Gabi Oberndorfer und ihr Team beginnen mit den Deutschkursen. Eine Reihe von engagierten Freiwilligen unterrichtet seither die Flüchtlinge bis zu 8 Stunden pro Woche in Deutsch.

Die Deutschkurse sind der Mittelpunkt unserer Integrationsbemühungen – ohne ausreichende Deutschkenntnisse haben „unsere“ Flüchtlinge auch mit einem positiven Asylbescheid keine Chance auf einen Arbeitsplatz – und arbeiten möchten sie alle!

Zur Finanzierung unserer Tätigkeiten, aber auch um eine Identifikation mit unser Arbeit zu ermöglichen, haben wir uns im September entschlossen, T-Shirts und Baumwolltaschen aus Bio-Baumwolle bedrucken zu lassen. Das Design – das Logo mit dem Anker und die wunderbare Skyline von Deutsch-Wagram – stammt von Evi Heugl.

3. Oktober 2015:
Bei der Eröffnung der neuen Bücherei werden unsere Merchandising-Produkte erstmals verkauft.

12. Oktober 2015:
Der ORF berichtet über „Wagram hilft“. NÖheute sendet einen kurzen aber sehr informativen Beitrag und wir freuen uns über das Interesse und die Anerkennung unserer Arbeit.

Weiters wurden unser Obmann und unsere Flüchtlinge Teil eines Werbejingles zum Thema „Helfen wie wir“:

Zu: ORF – Helfen wie wir

18. Oktober 2015:
Benefiz-Yoga von Ronald Deutsch für „Wagram hilft“ ! Ein anstrengender Sonntag-Vormittag für uns und unsere Unterstützer 🙂

Benefizyoga

25. Oktober 2015:
T-Shirt- und Baumwolltaschenverkauf im Pfarrsaal.

Die Flüchtlinge nutzen diese Gelegenheit, um Speisen aus ihrer Heimat zum Verkosten anzubieten und die Deutsch-Wagramerinnen und Deutsch-Wagramer besser kennen zu lernen.

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T-Shirtverkauf

Für die Flüchtlinge war der Oktober bereits eine sehr arbeitsreiche Zeit: neben den täglichen Deutschkursen helfen sie tatkräftig mit, gemeinsam mit Architektin Conny Exß den ehemaligen Kindergarten in der Fabrikstraße für die Unterbringung von 20 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (kurz UMFs) umzubauen. Die Stadtgemeinde Deutsch-Wagram vermietet den Kindergarten an den Verein „menschen leben“, der bereits über viel Erfahrung mit der Betreuung von unbegleiteten Flüchtlingen verfügt.

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31. Oktober 2015:
Wir organisieren die erste größere Zusammenkunft von Helfern, Deutschtrainern, Quartiergebern und Flüchtlingen aus Deutsch-Wagram und Straßhof und nutzen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, aber auch, um unsere Schützlinge besser kennen zu lernen und ihnen die Möglichkeit zu geben, andere Flüchtlinge zu treffen, die in den Nachbarorten untergebracht sind.

Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Handarbeitsrunde ins Leben gerufen. Die Frauen aus Syrien und Afghanistan verbringen seitdem einmal pro Woche einen Abend mit Deutsch-Wagramer Frauen, lernen häkeln und stricken und haben Gelegenheit, sich auszutauschen.

Mitte November 2015:

Der ehemalige Kindergarten in der Fabrikstraße wird besiedelt. 22 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter zwischen 13 und 15 Jahren leben seither in dieser Einrichtung und werden dort rund um die Uhr von ausgebildeten SozialarbeiterInnen betreut.

Sollten Sie Interesse haben, die Jugendlichen kennen zu lernen oder Fragen zur Unterbringung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen haben, setzen Sie sich bitte direkt mit dem Verein menschen.leben (Telefonnummer: 0676/55 80 121) in Verbindung.

Der Verein „Wagram hilft“ ist nicht für die Betreuung und Ausstattung in der Fabrikstraße verantwortlich. Wir helfen lediglich bei Spendensammlungen, da wir der Meinung sind, dass Fahrräder, Sportgeräte und Kleidung nicht unbedingt neu angeschafft werden müssen, wenn soviele gebrauchte Sachen zur Verfügung stehen und verwendet werden können!

5. Dezember 2015:
Beim Weihnachtsmarkt „Wintertraum“ gibt es erstmals einen „Wagram hilft“-Stand. Dank Evi Heugl und ihrem Team ist der Stand besonders stimmungsvoll dekoriert. Neben den T-Shirts für Erwachsenen werden erstmals auch unsere Kinder-T-Shirts mit Spielplatz-Skyline (in 3 Farben und 3 Größen) angeboten. Die Weihnachtskekse, die wir gemeinsam mit den Flüchtlingen gebacken habe, waren schnell ausverkauft.

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Im Dezember wird Ahmad aus Syrien von einer Deutsch-Wagramer Familie aufgenommen.

Nach dem sich die Pfarre Deutsch-Wagram bereit erklärt hat, die Wohnung über dem Pfarrheim für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, durften wir Anfang Dezember – vermittelt von Hilde Dalik – die nächste Familie kennen lernen! Ein syrisches Ehepaar – Mohanad und Nour – lebt mit seinen 3 Töchtern nun in der Pfarrwohnung.

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Die Familie lebte nach einer langen Flucht von Damaskus nach Österreich für einige Monate bei einer Familie in Wien – während dieser Zeit entstand ein CNN-Bericht über ihre Flucht und ihr Ankommen in Österreich.

Wenn eine Familie aus Traiskirchen oder einer anderen Unterkunft bei uns eintrifft, dauert es im Normalfall bis zu 8 Wochen, bis sie zum ersten Mal Geld für die Grundversorgung bekommen. In dieser Zeit müssen sie vom Verein mit Lebensmitteln bzw Einkaufsgutscheinen versorgt werden. Alexandra Manak hat daher als Weihnachtsprojekt eine Lebensmittelsammlung organisiert, viele Private – vor allem aber die Kinder der Volksschule Deutsch-Wagram – haben große Mengen an haltbaren Grundnahrungsmitteln wie Reis, Mehl, Zucker, Öl, Süßigkeiten und Konserven gespendet, mit denen wir die Familien nun einige Zeit versorgen können. Wir bedanken uns auch hier ganz besonders herzlich für diese großartige Unterstützung!

Für die jugendlichen Flüchtlinge gab es im Zuge dieser Weihnachtsaktion Päckchen mit Süßigkeiten und Kleidung. Außerdem haben wir einen Christbaum gespendet, damit auch im Wohnhaus der Jugendlichen Weihnachten gefeiert werden konnte!

23. Dezember 2015:
Ein großartiges Geschenk hat die Raststation Rosenberger unseren Flüchtlingen kurz vor Weihnachten gemacht! Alle Familien und die Jugendlichen durften ein gemeinsames Mittagessen genießen – für die meisten war das etwas ganz Besonderes!

>>Zum Bericht

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Ende Dezember konnten wir schließlich – wieder durch Vermittlung von Hilde Dalik – unsere vorerst letzte Familie willkommen heißen: ein Ehepaar aus Kobane in Syrien mit 5 Söhnen kam kurz nach Weihnachten – nach einer Odyssee durch mehrere Flüchtlingslager und -unterkünfte – in Deutsch-Wagram an.

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Liebe Helferinnen und Helfer!
Dieses Projekt wäre ohne euer aller Hilfe nie so erfolgreich geworden!
Nicht ohne die vielen ehrenamtlichen Deutschtrainer, die vielen Mitarbeiter, die mit Michaela Follner die Spenden im Lager sortiert haben, aber auch nicht ohne die Menschen, die bereit sind, uns Wohnraum zur Verfügung zu stellen, oder die mit uns Möbel transportieren und zusammenbauen, die sich um die Familien kümmern und Behördenwege erledigen!
In den letzten Monaten haben uns viele Menschen durch Sachspenden unterstützt, gespendet wurden Kleidung, Lebensmittel, Hausrat, Möbel, Spielsachen und auch Geld. Wir sind immer wieder überwältigt von euch und oft überrascht, wie schnell und unkompliziert ihr zur Verfügung steht, wenn etwas gebraucht wird!

 

Wie ich zum vierten Mal Mama wurde…

Der großartige Bericht einer Deutsch-Wagramerin, die einen jungen Mann aus Syrien in ihre Familie aufgenommen hat.

Am ersten Dezember saß er in meinem Wohnzimmer: A. aus Syrien. Die breiten Schultern ließ er hängen, die Angst und Verzweiflung in seinen Augen war deutlich zu sehen.

Zwei Wochen zuvor hatte er seinen positiven Asylbescheid der Republik Österreich erhalten: er darf bleiben. Im Land, aber nicht in der Unterkunft, in der er sich im Moment befindet – Gratulation und auf Nimmerwiedersehen, denn die Unterkunft ist nur für Asylwerber vorgesehen.

Was jetzt? Er hat kein Geld, kann kein Deutsch.

A. hat Glück: er kennt jemanden, der jemanden kennt, der die Plattform Flüchtlinge willkommen! kennt, auf der wir registriert sind.

So kommt er zu uns.

Die ersten Tage hat er spürbar Angst, isst kaum und verbringt die Zeit in seinem Zimmer. Wenn ich nicht da bin, räumt er auf und putzt, bis alles glänzt.

Die Verständigung ist schwierig, ein paar Worte deutsch, ein paar Brocken englisch. Zum Glück gibt es den Google Übersetzer am Smartphone – aber das ist mühsam, und ich weiß nie, was da eigentlich bei ihm ankommt…

Warum machst du das, fragt er mich nach ein paar Tagen, nachdem ich mit ihm den ganzen Vormittag lästige Behördengänge absolviert hatte. Du bist Christ, ich bin Muslim, warum hilfst du mir?

Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch, sage ich. Ist mir doch egal, ob du Muslim oder was auch immer bist.

Okay, Danke, sagt er, mit Unverständnis im Blick. Viele ähnliche Gespräche später begreife ich: Das Prinzip Nächstenliebe kommt in seinem Wertesystem so nicht vor. Da, wo A. herkommt, ist man extrem beziehungsorientiert – man hilft sich in der eigenen Großfamilie, man hilft jemandem, der einem früher mal geholfen hat, aber niemals einem Fremden oder einfach nur so. Daher kann er es nicht annehmen, wenn ihm jemand, der nicht sein Freund ist, etwas geben will.

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Wer hat mehr Spaß – Lehrerin oder Schüler?

Nach zwei Wochen wird A. spürbar lockerer. Ich merke, dass er beginnt, mir zu vertrauen. Er fängt an zu glauben, dass er hier erstmal bleiben kann. Nach und nach erzählt er von seiner Flucht, von seiner Familie. Ich wundere mich, wie dieser schüchterne Junge es überhaupt lebend nach Österreich geschafft hat.

Er hört auf, so schrecklich angepasst zu sein, und ich bemerke seine ersten Macken. Dass er unglaublich stur sein kann. Launisch auch. Und sehr stolz. Vereinnahmend: wenn er mir etwas erzählen oder mit mir deutsch lernen will, fordert er meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Es ist anstrengend.

Er fordert viel von meiner Zeit und meiner Kraft, ein wenig vergleichbar mit einem neuen Baby. Wie durch ein Wunder habe ich immer genug davon. Wo kommt die zusätzliche Energie her? Ich danke Gott jeden Tag für diese Erfahrung.

Durch ihn sehe ich meine Welt mit neuen Augen. Fahre mit ihm das erste Mal U-Bahn, sehe die Sehenswürdigkeiten der nahegelegenen Hauptstadt zum ersten Mal. Du weißt nicht, wie das für mich ist, sagt er, als er zum ersten Mal den Stephansdom sieht. Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen.

Und ich war noch nie so dankbar in meinem Leben wie jetzt.

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Bei strahlendem Sonnenschein ist Schönbrunn noch schöner.

Kurz vor Weihnachten wird A. nervös. Er spürt, dass etwas Wichtiges naht, und kann es nicht einordnen. Was wird von ihm erwartet? Wie soll er sich verhalten?

Erst möchte er nicht mitfeiern, aber schließlich lässt er sich überreden. Er bekommt auch Geschenke: ein selbstgemaltes Bild auf Keilrahmen von meiner jüngeren Tochter, eine Tube Haargel von meiner älteren, auch noch ein paar Kleinigkeiten von Schwiegermama und Schwägerin. In meiner Weihnachtskarte schreibe ich ihm, wie froh ich bin, dass er zu uns gefunden hat. Dass er mir in kurzer Zeit wirklich ans Herz gewachsen ist. This is big for me, sagt er mir, sichtlich gerührt. Und: I love you like my mother.

Es klingt wahnsinnig kitschig, aber es fühlt sich so an, als sei mein Herz ein Stückchen gewachsen in diesen wenigen intensiven Tagen. Als hätte ich auf einmal genut Platz darin für einen völlig fremden Menschen, der plötzlich in unser Leben getreten ist.

Das ist mein Weihnachtswunder.

Ich wünsche euch, dass ihr auch euer persönliches Weihnachtswunder erlebt habt. Dass ihr wie ich sagen könnt: das Leben ist schön. So, so schön.

Nina

Fahrräder!

Liebe Freunde,

wir suchen Fahrräder, und zwar sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Sollte also das eine oder andere Fahrrad ungenutzt im Keller stehen und noch fahrtüchtig sein, meldet euch doch bitte bei uns – wir holen es auch ab 🙂

Wir bedanken uns schon jetzt ganz herzlich!